Zwischen „Bachelor“ und Obama – die Jugend ist politisch und diskussionsfreudig

Schweizer Nationalratssaal, Bundeshaus, BernDie heutige Jugend: dröhnt sich zu, ist unfreundlich, lässt sich nichts mehr sagen, hat keinen Respekt vor den Anderen und ist politisch völlig desinteressiert. Dies sind Allgemeinplätze, die wir allenthalben lesen können. Nur wissen wir doch alle, dass dies nicht stimmt. Jede Generation wettert doch über die nachfolgende, denn man will einfach nicht wahr haben, dass man auch mal so war, oder noch
schlimmer…

Etwas beobachte ich jedoch: dass vor allem Junge Leute heute oft nicht mehr in den Himmel hinein träumen, sondern meist den Blick nach unten, zu den Händen gerichtet haben. Da befindet sich nämlich das Smartphone, von dem man den Blick oft nicht mal zum Überqueren der Strasse löst. Dieses Verhalten mag für viele nicht sehr sozial erscheinen, ist es aber! Die neuen Medien ermöglichen vielschichtige Diskussionen, die früher so gar nicht möglich gewesen wären.

Nehmen wir das politische Interesse. Wie interessiert waren wir den früher an Politik. Ausser in der Schule (Staatskundeunterricht), oder vielleicht am Mittagstisch, haben wir uns im Teenageralter doch nicht wirklich für Politik interessiert. Das war Sache der „Alten“. Uns fehlte zur Diskussion auch geeignete Plattformen. Und am Mittwochnachmittag haben wir (oder mindestens ich) nie über die Schweizer Politik diskutiert. Ausser vielleicht man gehörte zu den unbeliebten, unsportlichen Streberkindern.

Heute fällt mir auf, dass die Jugendlichen, vielleicht dank Pendlerzeitungen, Internet und sozialer Netzwerke, politischer, aber sicher diskussionsfreudiger werden. Sitzt man in einem Tram/Bus, hört man bereits kleine Knirpse darüber streiten, ob nun Obama der bessere Präsident sei – oder Romney. Ob die Gripen Flieger nun gekauft werden sollten oder ob der Bund nun endlich die Preise für das Mobiltelefonieren regulieren soll. Natürlich wird da auch über die Damenwahl beim „Bachelor“ gestritten – aber eben nicht nur. Und die Diskussion hört nicht im Bus auf, es wird auch auf den verschiedensten Plattformen schriftlich seine Meinung geäussert. In Form von Kommentaren zu Artikeln, in Form von Blogs oder Posts auf Twitter oder Facebook.

Der einfache Zugang zu Informationen und damit verbunden, die einfache Möglichkeit seine Meinung zu einem Thema abzugeben, mag für viele Nutzer sogenannter Qualitätsmedien banal erscheinen und wird oft auch herablassend kritisiert. Aber wir sollten nicht unterschätzen, dass durch diese tiefen „Eintrittsbarrieren“ in die mediale und oft auch politische Diskussion, eine neue Generation heran wächst, die vielleicht viel interessierter und damit auch aktiver sein wird, als wir uns heute vorstellen können.

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7 Kommentare zu Zwischen „Bachelor“ und Obama – die Jugend ist politisch und diskussionsfreudig

  1. Astrid Bärtschi sagt:

    Das sehe ich genauso: Vielleicht hätten wir auch früher mit Wählen und Abstimmen begonnen, wenn es damals Smartvote & Co schon gegeben hätte.

    • swissroman sagt:

      …oder allgemein Diskussionsforen. Wir durften dafür noch „richtige“ Musik hören und unsere Töffli frisieren.

  2. Beatman sagt:

    Schon das Internet, jetzt verstärkt durch die Sozialen Medien, hat zu einer Demokratisierung der Informationen und des Wissens geführt. Das ist dringend nötig, denn für die Bewältigung der Zukunft werden alle benötigt, nicht nur die Eliten. Diese haben uns in die anhaltende ökonomische, ökologische und gesllschaftliche Sackgasse geführt.

    • su franke sagt:

      Der Gedanke mit der Elite beschäftigt mich auch sehr. Denn die online Möglichkeiten zwingen förmlich zur Augenhöhe. Das dürfte noch eine Herausforderung werden für sogenannte Eliten, denn passende Sprache, Reichweite von einzelnen, Interessen (die nur in einem bestimmten Momenten vorhanden sind) und auch Medienkompetenz entscheiden heute über das Gehört-werden. Ach ja und natürlich Sozialkompetenz (ein für mich wesentlicher Erfolgsfaktor) in jeglicher Kommunikation.

      • swissroman sagt:

        Wir werden den Wertewandel sicher weiterhin erleben. Kommunikation auf augenhöhe ist etwas, dass in vielen Branchen aber auch bei vielen Personen noch nicht angekommen ist. Der Weg ist steinig, aber wichtig ist, dass man sich auf den Weg macht!

  3. Ich schliesse mich den vorherigen Voten und der Kernaussage Deines tollen Blogbeitrags an. Die Eintrittsbarrieren werden deutlich gesenkt, die Jugendlichen sind informierter und tauschen sich vermehrt auf sozialen Netzwerken darüber aus. Und die US-Wahl steht halt nun mal aufmerksamkeitsökonomisch in Konkurrenz mit „The Bachelor“, auch das hast Du völlig richtig und treffend ausgedrückt.

    Manchmal bringt mich unsere Passion fürs Teilen (dem Hauptinteraktionsmodus im Web) und Kommentieren auch etwas ins Grübeln. Denn die Halbwertszeit für ein Thema sinkt im Web2.0-Zeitalter beträchtlich. Haben junge Leute hautnah und auf allen Kanälen den Schauprozess der Pussy Riots erlebt, so lässt die (und auch unsere internetaffinen Generationen) zweitinstanzliche Entscheidung (Bestätigung der Haftstrafe von 2 Jahren für 2 Mitgliedern) sie nun völlig kalt. Eine kurzes Aufmurksen vielleicht, eine leichte Empörung. Aber nun ist halt „The Voice“ angesagt, gegen Putin aufbegehren kann man ja eh nicht…

    Da die Möglichkeiten der Einflussnahme nach wie vor beschränkt sind, wir aber gleichzeitig so gut wie nie zuvor über internationale Geschehnisse informiert sind, entsteht ein Gap, der vielleicht zu Politikverdrossenheit führen könnte… (wie ich in einem früheren Blogbeitrag einmal ausgeführt habe: http://adfichter.wordpress.com/2012/08/22/inquisition-2-0/). Deswegen denke ich, müsste parallel zu den verbesserten Austauschmöglichkeiten (Diskussionsplattformen), auch die institutionellen Beteiligungsmöglichkeiten eines Otto-Normalbürgers wachsen. Sei es innerhalb der EU, der UNO oder in anderen institutionellen Institutionen. Durch Konsultationen, Einzelinitiativen etc. Sonst erreicht man mit besserer Information genau das Gegenteilt: Resignation.

    • swissroman sagt:

      Was die „Aufmerksamkeitsspanne“ der Web 2.0 erfahrenen Personen angeht, gilt es in der Tat noch daran zu arbeiten. Wer mag sich denn noch an die grosse Kampagne Kony 2012 erinnern? Was mal gross war, verliert im unendlichen Informationsuniversum schnell an Momentum. Wir alle müssen daran arbeiten, wirklich Relevantes vom Unrat zu trennen. Wie? Das ist natürlich eine andere Geschichte…

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