Skandalisierung in den klassischen Medien

P icon with a newspaper

P icon with a newspaper (Photo credit: Wikipedia)

Um eine Botschaft bei der Zielgruppe zu verankern, muss diese einfach verständlich und differenzierend sein. Dass die Botschaften dazu auch provokativ sein dürfen, zeigen die verschiedensten Politik-Kampagnen der letzten Jahre. Gut geplante Politkampagnen werden immer damit rechnen, dass die Gegner das Thema ebenfalls aufnehmen werden und dieses thematisieren. Wird dabei ein Verstoss gegen geltende Normen, oder manchmal auch der gegnerischen Vorstellungen festgestellt, entsteht eine Geschichte, die weiter getrieben werden kann. Schon stehen wir mitten in der Skandalisierung.

Es ist die Aufgabe von Medien, aufzudecken, zu recherchieren, zu klären und zu unterhalten. Im Rahmen der Arbeit wird dabei die Journalistin oder der Journalist bewusst oder unbewusst zu einer der Hauptpersonen. Denn diese legen den Rhythmus vor, geben die nötigen Informationsstücke frei oder halten diese zu Gunsten der Dramaturgie der Geschichte zurück. In vielen Fällen spiegelt eine geschriebene Geschichte die Norm- oder die Moralvorstellung der Autoren wieder. Bewusst oder unbewusst versucht ein Schreiber, seine Leser von seinen Standpunkten zu überzeugen. Aber fast genau so wichtig wie das Verhalten der Autoren, ist das Verhalten der in die Geschichten eingebundenen Personen oder Stellen. Oft führen deren Reaktionen dazu, dass aus einer anfänglichen Kurzmeldung plötzlich eine Kampagne werden kann. Personen die im Rampenlicht stehen werden früher oder später diese Mechanismen kennen lernen. Nun ist es eine völlig falsche Vorstellung, dass jede Geschichte die wir in Zeitungen, Radio oder TV lesen, sehen oder hören, einfach durch einen strebsamen Journalisten oder eine investigative Redaktion kreiert wurde. Nein, denn eine gute Story, zum Beispiel in der Politik, wird oft auch planmässig orchestriert. Das Instrumentarium um selbst eine Geschichte zu kreieren fängt bei einem schriftlichen Pressecommuniqué an und hört bei einer gezielt gestreuten Indiskretion auf. Damit können Themen auf bestimmte Personen oder Sachverhalte gelenkt werden, die im weiteren Verlauf einer übergeordneten Sache hilfreich sind.

Wenn man die Medien heute anschaut, dann zeigt sich klar, dass eine Story dann richtig gut ist, wenn sie sich um Personen dreht. Die Personifizierung scheint eines der wichtigsten Elemente in der Kommunikation, vor allem in der Politik, zu sein. Als aktuellste Beispiele, der Vergleich der Skandalisierung in den Affären Wulff und Hildebrand.

Starke Persönlichkeiten brauchen die Medien

Für die Medien war er ein Glücksfall, der hübsche Philipp Hildebrand. Smarter Nationalbanker, Familienmensch und grosser Netzwerker. Nicht von Beginn her, denn mich beschlich immer das Gefühl, er sei eine Person ohne Ecken und Kanten, was für gute Geschichten in den Medien nicht sehr geeignet ist. Stromlinienförmige, konforme Manager ohne Gesicht, das will keiner sehen und schon gar nicht als Inhalt publizieren – ok, immerhin sagten mir meine Kolleginnen, er wäre attraktiv, dies kann aber für eine gute Geschichte auf die Länge nicht reichen. Wo blieben die Skandale?

Die Medien konnten zuerst gut und faktenbasiert über die Arbeit vom SNB-Banker schreiben. Diese erfüllte er, je nach politischer Einstellung, gut oder halt himmeltraurig. Das genügte jedoch noch nicht, die Konsumenten an eine Story zu binden. Aber dann, dann konnte über einen persönlichen Fehler- oder gar über eine strafbare Handlung –  geschrieben werden. Über Moral, Familie, Vergehen, Unterlassungen, Täuschungen, Sünde etc. Da schlägt ja das Herz jedes Journalisten höher! Und dieser Herzschlag wurde auch in Texte umgesetzt. Kein Tag verging im Dezember 2011/Januar 2012, der ohne eine grosse Schlagzeile über Hildebrand begonnen hat. Die Kioskverkäufe verschiedenster Blätter dürften in dieser Zeit zugenommen haben. Für die Verlage war der Skandal wohl zu kurz, als am 9. Januar der SNB-Banker zurücktrat.

Neue Köpfe, neue Geschichten

Aber, habt keine Angst liebe schreibende Zünfter. Es kommt für Euch wohl noch besser. Herr Hildebrand ist aus dem Fokus geraten. Jetzt steht ein kantiger Mensch im Mittelpunkt. Einer, der die Öffentlichkeit immer gesucht hat und diese auch für sich „arbeiten“ liess (oder arbeiten lassen wollte). Der NR Blocher wird den Medien aller Couleur noch viele glückliche Tage bescheren, denn wo Immunität, Skandale, Indiskretionen und kantige Menschen aufeinander treffen, da kann noch vieles geschrieben werden. Die Öffentlichkeit will Geschichten von Starken und Schwachen, Moralischen und Unmoralischen, Helden und Verlierern präsentiert kriegen. Sie sind es, die uns im Kopf bleiben, die uns bewegen und beeinflussen. Und wir alle lieben sie auf die eine oder andere Art. Die Medien mögen bei jeder Geschichte ein wenig Partei sein, aber seien wir ehrlich, es spielt am Schluss keine Rolle, auf welcher Seite man steht, Hauptsache die Geschichte verkauft sich und bewegt. Hier unterscheiden sich Medien nicht von anderen Unternehmen, sie wollen auch nur etwas verkaufen – angepasst auf deren Zielgruppe.

Dieser Beitrag wurde unter Kommunikation und Marketing - was gibt's neues? abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Skandalisierung in den klassischen Medien

  1. Beat sagt:

    Skandalisierung hat fast immer einen Namen. UBS-Ospel, ZKB-Vögeli oder Wegelin-Hummler sind nur ein paar Kombinationen, welche die jeweiligen Personen von der Bildfläche verwschwinden und den jeweiligen Finanz-Brands mindestens einen markanten Taucher in der Anerkennungshierarchie beschert haben. Personen machen Marken fassbar, spürbar, erlebbar. Und wenn diese versagen, berührt uns das. Plötzlich sind uns verstaubte Staatsgebilde wie die Nationalbank ganz nah, weil wir die Person dahinter besser kennenlernen. Die Skandalisierung verkommt dann zur billigen Auflagenjagd, wenn das Privatleben einer Person kurzerhand zum Allgmeingut erklärt wird, das im öffentlichen Interesse seziert werden darf. Die grösste Boulevardzeitung der Schweiz versteht es hier immer wieder, mit ihren Auswüchsen des zentralen Newsrooms die Grenze zu überschreiten – ob mit eigenen Reportern oder mit angestifteten Leserreportern.

Kommentar verfassen