To Kony or not to Kony (Einschätzung zur aktuellen Kampagne Kony 2012)

Das Poster von Kony 2012

Mein zweiter Blogeintrag wurde ein wenig länger als geplant. Aber dem Thema wird man sonst nicht gerecht.

Die Onlinewelt wurde in den letzten Tagen von einer grossen Welle der Entrüstung, des Likens und des Sharings überrollt. Es geht um das Video und die damit zusammenhängenden Aktionen von Invisible Children. Sinn der Kampagne ist, die ganze Welt über den Krieg in Uganda zu informieren. Speziell wird dabei auf die Situation der Kinder hingewiesen. Diese werden entführt und als Kindersoldaten ausgebildet. Damit einher gehen sexuelle Gewalt und weitere Greueltaten, die wir uns hier in der ruhigen Schweiz wohl nicht vorstellen können. Das Video Kony 2012 wurde alleine auf Vimeo mehr als 16 Millionen mal angeschaut. Auf Youtube bereits mehr als 78 Millionen mal.

Somit kann wohl guten Gewissens gesagt werden, dass dies einen sehr, sehr erfolgreiche Kampagne ist. Dazu kommen natürlich die unzähligen Diskussionen in Zeitungen, TV-Stationen und natürlich, wie auch hier, in Blogs. Spannend an der Geschichte sind fürmich die folgenden Aspekte.

Verbreitung:
Die Verbreitung eines solch gut gemachten Videos mit attraktivem Inhalt ist wohl das A und O einer solchen Kampagne. Die Musik, die Schnitte und die Qualität sind „impeccable“. Nur schon deswegen lohnt sich wohl das eine oder andere Sharing. Aber, und da bin ich mir sicher, beim Weiterleiten spielt der eigene Stolz oder vielleicht auch Ehrgeiz eine grosse Rolle. Denn wer will seinem Umfeld nicht mitteilen, dass man sich um ein schreckliches Thema sorgt. Das wird einer der grossen Treiber bei der ganzen Geschichte gewesen sein. Der Film spielt für mich ein wenig mit der Machtlosigkeit der Menschen, in einem fernen Land für Gerechtigkeit zu sorgen. Dieser Machtlosigkeit kann man ein wenig entgegentreten, in dem man mindestens dabei Hilft, das anscheinend primäre Ziel der Kampagne zu erreichen, nämlich das Bekanntmachen von Joseph Kony (Informationen von Wikipedia zur Person). Doch geht es wirklich darum?

Die Botschaft
Wenn man den Wettbewerb der NGOs mal genau anschaut, wird einem klar, dass dieser in etwa so gross ist, wie jener zwischen Pepsi und Coca-Cola. Es geht um Marketshares, shares of wallet und vieles mehr. Also steht neben dem Idealismus einer solchen Kampagne, immer auch ein monetäres Interesse. Das dies der Fall ist, zeigt sich darin, dass zum Beispiel alle T-Shirts etc. schon ausverkauft sind. Per heute kann man ausschliesslich noch ein Zip-File herunterladen, in welchem man dann ein Plakat ausdrucken kann, um die Solidarität auch in der realen Welt zu zeigen. Genau hier fängt aber ein grosses Problem der Kampagne an. Denn auf den Plakaten und sonstigen Marketingmaterialien steht fast immer nur „Kony 2012“ und ganz klein „the worst“. Nun bin ich bei meinen Ausflügen in der virtuellen Welt immer wieder auf Artikel gestossen, die der Kampagne ebenfalls kritisch gegenüber stehen. Und vor allem ein Aspekt kann ich sehr gut nachvollziehen. Man stelle sich mal vor, die Kinder in Uganda sähen uns Mitteleuropäer mit Kony 2012 Shirt in den Stassencafés sitzen. Was würde dies auslösen? Würden die da nicht auf den Gedanken kommen, dass dies eher eine Pro-Kony Botschaft ist, als eine die dazu dient, den Verbrecher zu fassen? Es fehlt schlicht das STOP, WANTED oder was auch immer auf den Materialien.

Weiter suggeriert uns diese Geschichte auch, dass die ganze Welt nur zugeschaut hätte, wie Kony im Land wütet. Ich selber kann dies natürlich nicht sehr gut einschätzen, denn ich war noch nie in Uganda. Wenn man aber ein wenig tiefer gräbt, findet man schnell heraus, dass schon seit Jahren die verschiedensten Initiativen liefen, um Kony zu fassen. Die belegt auch der International Criminal Court ICC. Dazu empfehle ich auch das lesen des Blogs von Rosebell. Vieles was sie schreibt, scheint mir verständlich und fundiert.

Nun, was ziehe ich aus der ganzen Geschichte für Schlüsse:

  1. Es ist immer noch möglich, weltweite Phänomene zu kreieren, diese müssen einfach den richtigen Inhalt enthalten und den Zeitgeist treffen (und eventuell über viel Geld verfügen)
  2. Es lohnt sich, Aktionen, ob kommerzielle Werbung oder auch solches Campaigning zu hinterfragen. Stellt Euch die Fragen: Warum tun die das, was wollen die bewirken, wie setzen sie mich als Individuum ein (werde ich benutzt?), welches Resultat kann erzielt werden.
  3. Ob die Organisation InvisibleChildren zuviel Geld in die Werbung steckt, dieses richtig verwendet oder nicht, darüber erlaube ich mir kein Urteil. Aber ein Spender soll sich einfach bewusst sein, dass mit seinem Geld vielleicht nicht direkt einem Kind geholfen wird, sondern der Franken für noch mehr Aufmerksamkeit investiert wird. Und was die bewirkt, ist nicht ganz klar.
  4. Auch ich habe den Link weitergepostet. Dies habe ich jedoch nicht „kopflos“ getan, sondern ich habe mir wirklich Gedanken darum gemacht (sonst würde ich hier ja nicht darüber schreiben). Aber diese Story hat mich einmal mehr gelehrt, vor einem Retweet oder Share auf Facebook, die Geschichten zu hinterfragen. Denn meine Leser/Freunde/Follower sollen von mir nur hören und lesen, wovon ich überzeugt bin.

Eins ist für mich klar geworden: Ich bin überzeugt, Kony gehört verurteilt und ich bin überzeugt, dass diese Aktion viele Leute für Konflikte sensibilisiert hat und auch viele Promis zu Statements bewegen konnte. Aber ich bin NICHT überzeugt, ob deswegen Kony wirklich in Haft kommt und es den Leuten in Uganda deswegen besser geht. Denn dies schaffen wir wohl auf Distanz nicht!

Dieser Beitrag wurde unter Social Media abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Kommentare zu To Kony or not to Kony (Einschätzung zur aktuellen Kampagne Kony 2012)

  1. Adi sagt:

    Dasselbe dacht ich auch. Genau das „Wanted“ fehlt meiner Meinung nach in der Kampagne. Und wenn der Call to Action so missverständlich ist, zweifle ich daran, dass der Name KONY negative Konnotationen auslösen wird bei einem breiteren Publikum, welches die Botschaft beiläufig auf der Straße lesen wird. Und wahrscheinlich eher einen Volkshelden dahinter vermutet. Als
    einen Kriegsverbrecher. Fragt sich ob das
    Ziel von Invisible Children so nicht etwas
    verfehlt wurde.

  2. Simon sagt:

    Deine Analyse gefällt mir. Mitmachen bei Kony 2012 ist sehr leicht, man publiziert den Link und hat damit die gute tägliche Tat getan. Den Kony einfangen kann man ja selbst nicht – aber dafür ein schickes T-Shirt anziehen.
    Ein weitere Aspekt ist auch, dass jedes Hilfswerk und jede Initiative inzwischen hochprofessionelles Auftreten benötigt, alles muss designt und ästhetisch ansprechend sein. Ich glaube, das trägt ebenfalls zum Erfolg der Kampagne bei – Erfolg im Sinne der Bekanntmachung und Aufmerksamkeit, ich glaube nicht, dass Kony damit schneller gefangen wird.

    • swissroman sagt:

      Danke Simon für Deinen Input. Genau so ist’s wohl. Aufmerksamkeit muss durch gute Ideen generiert werden, aber ob’s hilft, ist eine andere Geschichte

  3. Interessanter Artikel, die Kony Kampagne ist ja in aller Munde zurzeit. Natürlich auch durch den physischen Zusammenbruch seines Initianten. Heute ist dazu ein interessanter Artikel im Tagi zu lesen: http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/naher-osten-und-afrika/Der-falsche-Mythos-vom-weissen-Helfer/story/13707848

Kommentar verfassen